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Baltzar Bogislaw von Platen (1766-1829) – Marineoffizier und Baumeister


Von Dipl.-Hist. Lutz Mohr



Ein gebürtiger Rüganer in Königlich-Schwedischen Militär- und Staatsdiensten.
Während der Zugehörigkeit unserer Region Vorpommern als „Schwedisch-Pommern“ zum Königreich Schweden (1637/48-1806), erblickte am 29. Mai 1766 auf dem Gut Dornhof bei Schaprode ein Junge das Licht der Welt, der sich zu seiner Zeit zu einer genialen, geachteten und anerkannten Persönlichkeit entwickeln sollte. Baltzar, auch Balthasar genannt, entstammte dem Geschlecht derer von Platen, das seit 1250 auf Rügen nachweisbar ist. Ihr Gut Dornhof besteht heute allerdings nicht mehr, da es wegen Baufälligkeit bereits um 1860 abgebrochen werden musste. Baltzars Vater, Philipp Julius Bernhard von Platen (1732-1805), der mit Regina Juliana von Usedom-Udars-Kartzitz (1741-1810)  verheiratet war, galt als herausragende Autorität seiner Zeit. Er bekleidete die hohen Ämter eines schwedischen Feldmarschalls, Generalgouverneurs von Schwedisch-Pommern (1796-1800) und Kanzlers der Universität Greifswald. Aus der Ehe gingen nachweislich fünf Kinder hervor, drei Söhne und zwei Töchter. Baltzar wollte wie sein Vater und seine Brüder Kavallerist werden und lernte vorzüglich reiten. Aber der Vater entschied anders. Mit dreizehn Jahren kam der junge und talentierte Adelsspross 1779 auf die schwedische Seekadettenschule in Karlskrona, um seine seemännische und militärische Karriere aufzubauen und darüber hinaus durch Ausbildung auf  Handelsschiffen sowie Dienst beim Heer zu vervollkommnen.  So musterte er bereits 1780 als Kadett auf der Brigg THETIS an, verblieb dort an Bord  für drei Jahre und diente sich in kurzer Zeit zum Fähnrich und Obersteuermann empor. Die Kadettenschule beendete er mit ausgezeichneten Ergebnisen.  Die weiteren Jahre sahen ihn in verschiedenen Missionen der schwedischen Marine fernab der Heimat, unter anderem in karibischen Gewässern, so in Santa Domingo auf Haiti und bei der Besitznahme der Antilleninsel Saint Bartelemy, der einzigen schwedischen Kolonie am 7. März 1785. Die kleine Insel, 1493 von Kolumbus entdeckt und später in französischem Besitz, war durch König Ludwig XVI. (1774-1793) 1784 im Tausch gegen Handelsrechte in Göteborg an den schwedischen Monarchen Gustav III. (1771-1792) abgetreten worden, der ebenfalls koloniale Interessen verfolgte. Anschließend erfolgte Baltzars Einsatz als Flottenoffizier 1785 auf dem Linienschiff PRINZ GUSTAV und  begleitete 1786/87  auf der Fregatte DIANA eine schwedische Gesandtschaft nach Marokko. Als 1788 der Russisch-Schwedische Krieg ausbrach, der bis 1790 währte, nahm er an Bord der PRINZ GUSTAV an Kampfhandlungen im Finnischen Meerbusen teil und wurde während der Seeschlacht von Hogland (Gogland), einer heute russischen Ostseeinsel, nach heftiger Gegenwehr am 17. Juli 1788 durch russische Kanonenboote versenkt. Der Marineoffizier Baltzar von Platen geriet dabei als einer von wenigen Überlebenden schwerverwundet in russische Gefangenschaft. Als Kriegsgefangener kam er nach Twer, Wladimir und Nowgorod und konnte erst nach dem am 14. August 1790 zwischen Schweden und Russland vereinbarten Friedenschluss im südfinnischen Värälä nach Schweden zurückkehren. Auf Grund seiner Verdienste während des Seegefechtes, beförderte die schwedische Admiralität Baltzar von Platen rückwirkend zum Leutnant (1788) und Kapitän (1789). Im Jahr 1789 begleitete er auf der Fregatte BYLLONA  erneut eine Gesandtschaft nach Marokko. Dabei freundete sich Baltzar von Platen mit dem gleichaltrigen evangelischen Geistlichen Carl von Rosenstein (1766-1836) an, der an Bord als Schiffspfarrer tätig war und später Bischof von Linköping  (1809) und zehn Jahre danach Erzbischof von Uppsala wurde. Die Freundschaft zwischen beiden Männern, die von Berufswegen – Militär und geistlicher Würdenträger - hätte nicht unterschiedlicher sein können, sollte Bestand haben und später für die politische und insbesondere die wirtschaftliche Entwicklung Schwedens reiche Früchte tragen. Danach krönten Baltzars militärische Karriere weitere Beförderungen und Ernennungen, so Oberstleutnant, Oberst, General-Flügeladjutant bei der Admiralität und Rang eines „Ritters des Schwertordens“ (1795). Der gebürtige Pommer in schwedischen Diensten Baltzar sah aber seine weitere Entwicklung jedoch nicht endgültig bei der schwedischen  Armee oder Marine, sondern in der Politik, zumal ihn seit geraumer Zeit ein kühnes Vorhaben beschäftigte: Den kurzen Trollhätte-Kanal im Westen quer durch Schweden zu verlängern und damit eine durchgehende Wasserstraße vom Kattegat an der Nordsee zur Ostsee bei Söderköping zu schaffen, damit schwedische Schiffe den von Dänemark beherrschten Öresund zollfrei umgehen konnten. Aus Baltzars Vision sollte der heutige „Göta-Kanal“ in einer gegrabenen Länge von 100 Kilometern, einer Breite von 29 Metern sowie einer Tiefe von 3,3 Metern entstehen. Im Jahr 1799 bat er deshalb um seinen Abschied aus dem aktiven Militärdienst in der Flotte, blieb aber den Streitkräften weiterhin verbunden. Bei Baltzars Wechsel in die Politik kamen ihm sowohl die engen Beziehungen seines Vaters zum schwedischen Königshaus als auch seine eigenen Verdienste für die Krone zugute. Zunächst widmete er sich auf seinem angekauften Gut Frugarden auf einer Halbinsel im Vänersee bei Trollhättan der Landwirtschaft. Sein Besitztum entwickelte er dabei zu einem Mustergut. Nun konnte er auch an eine eigene Familie denken.  Am 4. Juni 1800 heiratete er in Gotenburg, heute Göteborg, die Tochter des Großhändlers und Kommerzienrates  Peter Ekman (1740-1807), Hedwig Elisabeth (1780-1862), die als edle und kluge Frau den zuweilen hitzigen und rauen  Charakter ihres Mannes ausgleichend entgegen wirkte. Um sich mit inländischem Kanalbau näher vertraut zu machen, wurde von Platen zunächst zum Direktionsmitglied der „Trollhätte-Kanalgesellschaft“ gewählt. Im gleichen Jahr war  der lange geplante Bau des Trollhätte-Kanals zwischen dem Vänersee und dem Kattegat zur Umgehung der 32 Meter hohen Fälle der Götaelv abgeschlossen. Im Kontext mit seinem gewaltigen Vorhaben, einen Kanalbau quer durch Schweden unter Einbeziehung von fünf Seen und natürlichen Wasserläufen zu realisieren, unternahm nun der ehemalige Seemann in der Planungsphase  Informations- bzw. Studienreisen nach Preußen, Frankreich und England. Sogar nach Böhmen reiste er. Im Vereinigten Königreich traf er mit dem Baumeister und Ingenieur Thomas Telford  (1757-1834) zusammen, der den Kaledonischen Kanal in Schottland erbaut hatte. Baltzar konnte ihn für sein Projekt gewinnen. Telford kam mit nach Schweden und stand von Platen als Berater zur Seite. Vorausschauend gründete von Platen für den Kanalbau eine Aktiengesellschaft, die „Göta-Kanalgesellschaft“. Er legte mit seinem Mitarbeiterstab getreu seinem Wahlspruch:  „ Du kannst, wenn du willst! Und wenn Du sagst, du kannst nicht, dann willst du auch nicht“,  ein enormes Arbeitspensum vor. So legte er bereits 1806 seine „Abhandlung über Kanäle durch Schweden mit besonderem Bezug auf die Verbindung von Vänern bis zur Ostsee“ vor. Trotz teilweise heftiger Widerstände hinsichtlich der Baufinanzierung, gelang es Baltzar von Platen durch überzeugende Argumente hochrangige Persönlichkeiten im Reichstag, bei Heer und Flotte, bei Geschäftsleuten und der Kirche, seinem alten Freund Carl von Rosenstein inbegriffen, vom Kanalbau zu überzeugen und zur Unterstützung zu gewinnen. Infolgedessen beauftragte König Gustav IV. Adolf (1792-1809) von Platen 1808 einen entsprechenden Entwurf anzufertigen.  Auch der königliche Nachfolger Karl  XIII. (1809-1818) stand dem Vorhaben und seinem Initiator aufgeschlossen gegenüber. So erhielt Baltzar von Platen bereits am 11. April 1810 die königliche Genehmigung zum Kanalbau mit Zusicherung der Unterstützung durch das Militär. Zugleich erfolgten im gleichen Jahr von Platens Ernennung zum Staatsrat und die Beförderung zum Konteradmiral. Zunächst hatte er als Politiker jedoch diplomatische Aufgaben Schwedens wahrzunehmen, so als Unterhändler in England und Gesandter in Norwegen, wobei er die Vereinigung beider skandinavischen Reiche unter einem Herrscher förderte. Unter von Platens Leitung wurde der Kanalbau schließlich am 22. Mai 1810 bei der späteren Stadt Motala und an weiteren 15 Standorten entlang der Strecke begonnen. Es kamen während der Bauzeit insgesamt etwa 58.000 schwedische Soldaten, Zivilpersonen und russische Überläufer zum Einsatz, die mit Spaten und Schaufeln dem Erdreich zu Leibe rückten. Bis zu täglich 7.000 Kanalbauarbeiter bewegten acht Millionen Kubikmeter Erde und sprengten 300.000 Kubikmeter Fels. Um den Höhenunterschied von 91,5 Meter auf 190 Kilometer zu überwinden, mussten 65 Schleusen  errichtet und 34 Brücken über den Kanal erbaut werden. Der Bauherr war dabei zumeist vor Ort. Damit in Verbindung gründete er auch die erste Maschinenfabrik Schwedens in Motala 1813. Für seine außergewöhnlichen Leistungen in der Politik und beim Kanalbau, „Schwedens blauem Band“, ernannte ihn das Königshaus 1814 zum Generalgouverneur von Holstein,  Schleswig und Jütland, erhob ihn am 7. Januar 1815 in den erblichen Grafenstand und beförderte von Platen zum Vizeadmiral. Nach dem Tod Königs  Karl XIII. 1818 bestieg der Kronprinz und designierte Nachfolger französischer Herkunft, Marschall Jean-Baptist Bernadotte, als Karl XIV. Johan (1818-1844) den schwedischen Königsthron. Auch der neue König war von der vielseitigen Persönlichkeit des treuen Staatsdieners Baltzar von Platen angetan, förderte großzügig die „Göta-Kanal-Aktiengesellschaft“ und nahm persönlich die feierliche Eröffnung  des abgeschlossenen Bauabschnitts der Wasserstraße zwischen Väner- und Vetter-See (West-Götakanal) am 23. September 1822 vor.  Aus diesem Anlass erhielt Baltzar von Platen die höchste schwedische Auszeichnung, den Seraphinenorden verliehen. Des Weiteren unterstellten Krone und Staat Vizeadmiral von Platen 1826 sämtliche Hafen- und Kanalbauten Schwedens. Karl XIV. Johan, König von Schweden und Norwegen, erwartete viel von seinem Vertrauten Baltzar von Platen, der nun zu „einem der Herren des Reiches gehörte“. Der gebürtige Pommer wurde nun „auf besonderen  Wunsch des Königs“ zum Reichsstatthalter von Norwegen berufen. Das neue und hohe politische Amt, seine Verantwortung und das enorme Engagement für den Kanalbau und ein sich abzeichnendes Krebsleiden beeinflussten jedoch rapide seine Gesundheit, so dass er am 6. Dezember 1829 viel zu früh mit 63 Jahren  in der norwegischen Hauptstadt Christiania, heute Oslo, verstarb. Er fand seine letzte Ruhe am 7. Februar 1830 unter militärischen Ehren in einer Gruft nahe am Götakanal in Motula. Die Eröffnung des Ost-Götakanals am 26. September 1832 und damit das Bauende der künstlichen Wasserstraße erlebte sein Schöpfer nicht mehr. Das nach ihm benannte Dampfschiff „Admiral von Platen“ befuhr im Oktober 1834 als erstes Linienschiff die Route Stockholm nach Göteborg quer durch Schweden. Einer seiner Söhne, auch ein Baltzar von Platen (1804-1875), wurde ebenfalls Politiker und war von 1871 bis 1872  Außenminister Schwedens. Im Jahr 1888 starb die gräfliche Linie in Schweden aus. Vizeadmiral Graf Baltzar Bogislaw von Platen ging als Erbauer des Götakanals – des „schwedischen Jahrtausendbauwerks“ - in die Geschichte ein. Ein Denkmal auf dem Marktplatz der schwedischen Stadt Motala und ein Gedenkstein mit Inschrift im Hafen von Schaprode auf Rügen, der am 21. Mai 2004 gesetzt wurde, erinnern an den gebürtigen Pommer und schwedischen Militär und Politiker. Der Stein trägt die Inschrift: „In Memoriam Admiral Graf Baltzar Bogislaus von Platen Erbauer des Göta-Kanals. Geboren am 29. Mai 1766 auf dem Gut Dornhof/Rügen. Gestorben am 6. Dezember 1829 in Kristiania/Norwegen. 21. Mai 2004 – Ab Götakanalbolag Svenska von Platen föreningen Göta Kanal“. Das Lebenswerk Baltzars von Platen würdigte literarisch ein Anonymus in dem um 1880 verfassten  Poem „Der Mann mit dem Knüppel“  in zehn Strophen. 
Der Mann mit dem Knüppel
Dem Erbauer des Göta-Kanals Baltzar Bogislaus von Platen
 
Herr Balthasar von Platen,
der Schweden Admiral,
der siegte mit dem Spaten
und baute den Kanal.
Er zwang mit hartem Zügel
an sechzigtausend Mann,
schlug Schneisen quer durch Hügel
und freute sich daran.
 
Er liebte nicht die Ehren,
er stammt‘ aus Pommernland,
dort schätzt man nicht Lorbeeren,
dort schätzt man den Verstand.
In Dornhoff bei Schaprede
da kam er einst zur Welt,
ward Militär und Schwede
und wurde gar ein Held.
 
Einst stand er am Gestade
des blauen Öresund,
wo auf der Gegenseite
der Dänen Festung stund.
Und jedes Schiff von Stockholm,
das wollt nach Göteborg,
mußt Reverenz erweisen
dem dän‘schen Kronenborg.
 
„Verdammt noch mal“, sprach Platen,
„daß Dän‘mark kontrolliert,
was unsre Schiffe laden,
und was man bei sich führt!
Werd‘ ihn‘ das Mahl versalzen!“
so rief Herr Platen aus,
tät mit der Zunge schnalzen
und führte stracks es aus.
 
Nahm eine Kart‘ von Schweden
zog einen Strich so blau
von Osten bis nach Westen
und der durchschnitt genau
den Vättern und den Vänern
und auch manch Hügelland.
„Gebt mir ein Heer von Männern
dann mach ich euch zu Schand‘
 
das Machtgehab‘ der Dänen,
dreh ihnen eine Nas‘
und führ durch schwedisch‘ Lande
die neue Wasserstraß‘!“
War einer, der nichts scheute,
ein Mann von jähem Zorn.
Wer Widerstand ihm beute,
der war zumeist verlor‘n.
 
Den Knüppel tät er schwingen
auch gern mit eigner Hand,
das Werk es mußt gelingen,
wie‘s ihm vor Augen stand.
Bevor es war vollendet,
rief ihn der Herrgott ab,
da senkten sie ihn weinend
hart am Kanal ins Grab.
 
Er wollte keine Ehre,
er wollte den Kanal:
Der ist nun längst vollendet
mit Schleusen reich an Zahl.
Noch heute, wenn die Schiffe
passieren bei dem Grab,
dann gibt die Schiffssirene
laut ihren Gruß ihm ab.
 
Zu Motala in Schweden
tät er in Bronze stehn.
Lässt seinen Knüppel jeden,
den es gelüstet, sehn.
Das war der Herr von Platen,
der Schweden Admiral,
der siegte mit dem Spaten
und baute den Kanal.
 
Und tät da jemand fragen
wo seine Wiege stand,
dann sollet ihr ihm sagen
„Im fernen Pommernland!
In Dornhoff bei Schaprode
da kam er einst zur Welt.
Fürcht‘ weder Höll‘ noch Wode
          und wurde gar ein Held.“     


 


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