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Ferdinand von Schill Stralsund
Schills Zug nach Stralsund und sein Ende
Tagebuch eines Vertrauten
Ferdinand von Schill
Edition Pommern
Mit Abbildungen
ISBN 978-3-939680-04-8
52 Seiten
Größe 12 cm x 19 cm
€ 7,95 [D]
Juli 2009 
 
 

Beschreibung

Dieser Unbekannte Offizier, welcher selber vorgibt sein Vertrauter zu sein, schildert uns eindrücklich den letzten großen Marsch von Potsdam bis nach Stralsund. Detailgetreu gibt er die Begebenheiten und Kämpfe in der Zeit vom 29. April 1809 bis zum Tode des Major Ferdinand von Schill am 31. Mai 1809 wieder. Er lässt uns an den Szenen der Zeit teilhaben und entreißt so diese Begebenheiten der Vergangenheit aus der Vergessenheit. Diese Neuausgabe des Buches, von 1831 unter gleichem Titel, aus dem Verlage von Gottfr. Basse, soll an den 200. Todestages, des Majors Ferdinand von Schill, erinnern. An dem Text wurde vom Verlag nichts geändert. Dadurch kann ein umfassendes Bild über die Kriegs- und Kulturgeschichte jener Tage gezeigt und erlebt werden. Bei den Ortsnamen haben wir die aktuellen Namen genommen um einen genauen Überblick seiner Märsche und Gefechte zu erhalten.

Leseprobe

Nachdem der Major Ferdinand von Schill schon einigemal mit seinem unterhabenden Regiment des Nachmittags exercirt, ja verbreitet hatte, er werde nächstens bei Gelegenheit eines Manövers die Nacht wegbleiben, und zu diesem Ende Bivouak-Holz gekauft, führt er uns, die baldigen Ereignisse nicht ahnend, am 28. April 1809, um 3 Uhr, aus Berlin heraus und exercirte einige Stunden, worauf er wahrscheinlich, um die vielen Zuschauer los zu werden, eine halbe Meile die Straße nach Potsdam entlang forttraben ließ. Eine Ordonnanz überreichte ihm einen Brief, worauf der Major das Regiment einen Kreis schließen ließ und es, eine Schreibtafel in die Höhe haltend, folgendermaßen anredete: „Kameraden, diese Schreibtafel ist ein Geschenk unserer verehrten Königin. Ich habe mich derselben noch nicht wert machen können, jetzt aber ist der große Augenblick erschienen. Alles schläft in Fesseln, ich will sie brechen, wollt ihr mir helfen?“ Folge des allgemeinen Zutrauens, welches er sich erworben, der Gewalt über die Gemüter, die er besaß, weder das Ungewisse dieser Worte berücksichtigend, noch das zurückgelassene Eigentum achtend, rief alles einstimmig: „Ja, wir folgen, führen sie uns an!“ Wir eilten durch Potsdam, wo ein gewisser Keller einige hundert Gewehre und Büchsen aus der Gewehrfabrik holte, und erreichten des immerwährenden Regens nicht achtend, der uns ohne Mantel desto empfindlicher wurde, in dem wir viel trabten,

Göhlsdorf seitwärts Brandenburgs welches 8 Meilen von Berlin ist.

Noch lebten wir in der vollkommensten Ungewissheit; doch die Ankunft des vom Gouverneur uns nachgeschickten Majors von Zeplin, der, nachdem er sich allein mit unserm Chef unterhalten, abreiste, wie auch das Erscheinen mehrerer Offiziere, die, um dem Regiment zu folgen, Pässe vom Kommandanten Grafen Chasot erhalten, bestätigte die Meinung, unser Unternehmen, wenn zur Zeit auch noch nicht öffentlich, werde doch insgeheim gebilligt. Die erhaltene Nachricht, das längs der westfälischen Grenze zur Verhinderung des Überganges über die Elbe die besten Maßregeln getroffen, und alle Fähren versenkt worden, bewog der Major, das sächsische Gebiet zu berühren. Wir passierten im Dunkelwerden die sächsische Stadt Brück.

Mit den ersten Strahlen der Morgensonne wurde aufgebrochen, oft getrabt, eine Meile gegen Wittenberg die Heerstraße verlassen, und nun durch Büsche, Schlünde und unwegsame Pfade Trab und Galopp geritten, so das wir vor Wittenberg ganz unerwartet anlangten, indem ein auf die Straße abgeschickter Offizier uns nicht bemerkte. Zwei Eskadrons wurden zurückgelassen am Ausgang des Waldes, die anderen mit den Jägern passierten im Galopp einen engen Damm und marschierten jenseits auf. Nachdem ein Parlamentär den Ort aufgefordert, kam der Kommandant selbst heraus; wir ritten ihm entgegen, der Major unterhielt sich lange mit ihm. Doch da er als Mann von Ehre alle Anträge ausschlug, so trennten sie sich und ich musste ihm anzeigen, es werde gestürmt werden. Schon waren die beiden ersten Eskadrons freiwillig abgesessen; in Reih und Glied getreten, erwarteten sie nur die Ankunft der Gewehre, die aber falsch gefahren erst später ankamen. Unterdes hatte der Major vom Kommandanten die Zusicherung erhalten, die Elbe, die von den Kanonen bestrichen werden kann, ungehindert zu passieren, worauf er die Offiziere zusammennahm und sie mit der Offerte des Kommandanten, die seinem Zweck entsprach, bekannt machte und um unsere Meinung fragte. Die Meisten von Enthusiasmus beseelt, auf den Mut der Leute vertrauend und von dem großen, 2 Millionen starken Kassenbestand gelockt, stimmten für den Sturm. Der Major beruhigte diese heroischen Gemüter durch die Vorstellung, dass er aus politischen mit Sachsen nicht zerfallen möchte, dass auch er diese 2 Millionen, die zur Beförderung seiner Absichten ihm sehr nützlich sein würden, gern besitzen möchte. Zugleich kenne er aber das Schicksal im Sturm eroberter Städte; der Soldat sei dann nicht zu zügeln, und er, der als Befreier der Deutschen aufgetreten, dürfe das allgemeine Zutrauen nicht verlieren und in einem deutschen Lande seinen ersten Schritt mit Plünderung, Feuer, Raub und Mord bezeichnen. Die Gewalt dieser Gründe siegte; doch die Gemeinen, trotz der Vorstellungen, dass es beinahe unmöglich sei, mit bloßer Kavallerie einen mit 500 Mann besetzten, durch mehrere Kanonen verteidigten und mit Wällen, Palisaden und einen tiefen Graben umgebenen Ort ohne alle Hilfsmittel zu nehmen, konnten nur durch ausdrücklichen Befehl zur Ruhe gebracht zu werden. Er ließ aufsitzen und so passierten wir im Angesicht der unter Gewehr stehenden Garnison und einer unzähligen Menge von Zuschauern die Elb-Brücke und blieben eine halbe Meile weiter, in Plesern über Nacht. Weil der Kommandant in der Nacht wider das Abkommen die Stücke abbrechen ließ, musste ich noch zu ihm hinüber; meine Mission aber war nicht fruchtbringend, wogegen die längs der Elbe brennenden Wachtfeuer einen sehr schönen Anblick gewährten.