Home Einführung

Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Künstler in ganz Europa ihre großstädtischen Ateliers verließen, ihre Staffeleien in (vermeintlich) unberührten, von der Industrialisierung verschonten Landschaften aufbauten und sich dort auch ansiedelten war die neuzeitliche Idee der modernen Künstlerkolonien geboren. Für diese Künstlerbewegung des Hinaus in die unberührte und bisweilen karge Natur - konstitutiv für die Entwicklung der Moderne in der Kunst –  steht heute in Deutschland sinnbildlich der Ortsname Worpswede.
Auf dem Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommern entwickelten sich Ende des 19. Jahrhunderts und danach eigene Künstlerkolonien, Künstlergemeinschaften und Künstlerlandschaften. Einige dieser Kunstzentren, ihre Geschichte und ihre Künstler sind mittlerweile wieder recht bekannt geworden wie vor allem Ahrenshoop und auch Hiddensee, andere wie Usedom und Schwaan harren noch der größeren öffentlichen Entdeckung.

Im großherzöglichen Mecklenburg entstand um die Jahrhundertwende in dem Ort Schwaan eine Gemeinschaft von Malern, deren Besonderheit daran lag, dass hier im Gegensatz zu den sonst üblichen Gepflogenheiten in Künstlerkolonien vor allem einheimische Künstler tätig waren. Der gebürtige Schwaaner und Weimaraner Akademieprofessor Franz Bunke, seine einheimischen „Schüler“ Rudolf Bartels und Peter Paul Dräwing sowie der Hamburger Alfred Heinsohn bildeten die Hauptsäulen dieser einzigen Künstlerkolonie Mecklenburgs. Die zeitgenössische Kunstkritik bezeichnete Schwaan als das „mecklenburgische Worpswede“. Franz Bunke, Künstlerkolonie SchwaanWährend Franz Bunke der Freilichtmalerei in Mecklenburg zum Durchbruch verhalf näherten sich Rudolf Bartels und Alfred Heinsohn in ihren Arbeiten zunehmend der modernen (abstrakten) Malerei. Diese eigenständige Annäherung an die Moderne lassen R. Bartels wohl zum bedeutendsten mecklenburger Künstler des 20. Jahrhunderts werden. 
Mit dem ersten Weltkrieg enden die fruchtbaren Jahre der Schwaaner Kolonie, auch wenn Franz Bunke in den zwanziger und dreißiger Jahren noch regelmäßig Sommermalwochen in Schwaan veranstalte. Zu den bekanntesten Schülern dieser zweiten Generation gehören die Schweriner Erich Venzmer und Wilhelm Facklam.
1889 entdeckte der Oldenburger Kunstmaler Paul Müller Kempff auf einer Wanderung entlang der Ostseeküste das karge und wohl auch „gottverlassene“ pommersche Fischerdorf Ahrenshoop – wie bereits einige andere Künstler seit 1882 vor ihm. 1892 erbaut er das erste Malerhaus in Ahrenshoop, 1894 die Pension St. Lukas für die Durchführung von Sommermalkursen. Paul Müller-Kaempff, Künstlerkolonie AhrenshoopPaul Müller Kaempff gilt als Begründer der Ahrenshooper Künstlerkolonie und ihr spiritus rector für die folgenden zwei Jahrzehnte. So entsteht 1909 der Kunstkaten als Ausstellungs- und Verkaufsraum Ahrenshooper Künstler aufgrund seiner Initiative und Pläne. Im jenem Zeitraum von 1895 bis 1910 hat er selbst vor allem in Norddeutschland und Berlin großen Erfolg mit seinen eigenen Landschaftsbildern wie auch viele der dort ansässigen oder auch nur zeitweilig sich dort aufhaltenden Künstler. Die Gästebücher der Pensionen mittlerweile der gesamten Region Fischland-Darß quellen über mit Malernamen. Klangvolle der Moderne sind darunter wie Heckel, Jawlensky und Werefkin. Spätestens mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges ist jedoch die erste Epoche der Künstlerkolonie vorbei – Ahrenshoop und das Fischland bleibt ein Kunstzentrum auch für die nächsten Jahrzehnte, besucht immer noch von berühmten Künstlern wie Dix, Feiniger und vielen anderen. Aber der Charakter hat sich geändert: es ist eine Künstlerlandschaft geworden, in der nun jene vorherrschen, welche dort fest ansässig sind wie Hedwig Holtz-Sommer und ihre Ehemann Erich Theodor Holtz, der als Illustrator und Graphiker berühmte Koch-Gotha samt seiner in der Kunstgeschichte präsenten Ehefrau Dora Koch-Stetter, die Hamburgerin Hedwig Wörmann oder auch der Rostocker Thuro Balzer.Hedwig Holtz-Sommer, Ahrenshoop, Wustrow
Der Charakter von Ahrenshoop und Fischland-Darß als Künstlerlandschaft bleibt auch über das Ende des zweiten Weltkrieges hinaus in der DDR bestehen. Jüngere Künstler wie die noch heute auf dem Darß lebende Ruth Klatte siedeln sich im Laufe der Zeit an. Ahrenshoop wird zudem von der Staatsführung der DDR zum Ostseebad der Kunst- und Kulturschaffenden ausgebaut (so weilen u.a. auch Bertold Brecht und sein Berliner Ensemble zu Ferienzwecken in Ahrenshoop), sodass auch jüngeren Künstlern der DDR wie H. Witz und C. Querner nun Ahrenshoop offen steht.
Eine artverwandte Entwicklung nimmt die benachbarte Insel Hiddensee. Nach der Entdeckung des kargen Eilandes für die Kunst durch die Romantiker Kosegarten und Hackert, sporadischen Besuchen wie von der Stralsunder Malerin Antonie Biel und später Walter Leistikow u.a. beginnt durch Oskar Kruse-Lietzenburg die Geschichte Hiddensees als Künstlerort. Wie auf dem Fischland wird die erste Generation der „Kolonisten“ von Sommerfrischlern auf Hiddensee mit eigenen Häusern und zahlreichen Gästen abgelöst. Klangvolle Namen auch hier: Gerhart Hauptmann, Asta Nielsen, Ringelnatz neben Erich Heckel, Otto Mueller und Alexander Kanoldt. Eine Besonderheit Hiddensees soll nicht unerwähnt bleiben: Spielt schon in der ersten Generation der Künstler auf Hiddensee die aus den nahen Stralsund stammende in Kunstkreisen schnell auch überregional bekannte Elisabeth Büchsel eine zentrale Rolle, so wird Hiddensee zur Anlaufstelle der sogen., meist aus Berlin kommenden „Malweiber“. Henni Lehmann begründet – wohl auf Anraten von Käthe Kollwitz – den Hiddenseer Künstlerinnenbund mit der Blauen Scheune als Ausstellungsort. Elisabeth Büchsel, Clara Arnheim, Dörflein-Kahlke u.v.a. sind mit von der Partie.
In der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur dient die abseits gelegene Insel Hiddensee als Refugium für (verfolgte) Künstler wie diese Funktion auch Orte auf Rügen und Usedom erfüllten.  In Göhren auf Rügen findet der junge Tom Beyer in den dreißiger Jahren Zuflucht. Die Insel Rügen, als Ort für Künstler schon seit ihrer Entdeckung zu Beginn der Romantik durch das „pommersche Dreigestirn“ Friedrich-Runge-Klinkowström allgemein bekannt , kann zwar keine dezidierte Künstlerkolonie ihrer Geschichte aufweisen, kennt aber zahlreiche Künstlerbesucher mit bekannte Namen wie Feiniger, Georg Tappert, Ivo Hauptmann u.a.
Der Gedanke des Refugiums an der Peripherie war es auch, der den in Berlin ansässigen aufstrebenden Künstler Otto Niemeyer-Holstein (ONH) Anfang der dreißiger Jahre bewog in Lüttenort auf Usedom sich Wohnhaus und Atelier zu bauen. An dieser Peripherie blieb ONH dann – mittlerweile auch international anerkannt und arriviert - bis zu seinem Tode in den achtziger Jahren. Ins benachbarte Ückeritz zogen kurze Zeit später in den Dreißigern Malerfreunde: hier ist vor allem der Kurau-Nachfolger Otto Manigk mit seiner Malschülerin Karin Schacht zu nennen wie auch Herbert Wegehaupt. Und dieser Gruppe von Künstlern um Niemeyer–Holstein, Manigk und Wegehaupt gelang auf Usedom –stärker als anderenorts in Pommern – auch die Etablierung einer regelrechten Kunstszenerie bis auf den heutigen Tag. Zu nennen sind u.a. die Söhne von Wegehaupt und Manigk, die Manigkschülerin Rosa Kühn und die ONH Schülerin Sabine Curio. 
Karl (Korl) Meyer, RibnitzJene Region, welche wir heute Mecklenburg-Vorpommern nennen, kannte natürlich neben den bislang beschriebenen – vielfach von außen hereingetragenen – Künstlerkolonien im besagten Zeitraum auch eigene Zentren künstlerischen Schaffens, vor allem in Schwerin und Rostock. Die dort lebenden Künstler des großherzoglichen Mecklenburg arbeiteten – dies müssen wir im Auge behalten - an der räumlichen (und häufig auch mentalen) Peripherie des deutschen Reiches. Sie waren in aller Regel keine Avantgardisten wie wir sie aus den Zentren Europas kennen. Diese einheimischen Künstler vertraten wie der schon erwähnte Thuro Balzer oder auch Karl (Korl) Meyer auf z.T. hohem handwerklich-künstlerischem Niveau eine gemäßigte Moderne, in welcher sich traditionelle Landschaftsansichten mit Einflüssen von Impressionismus und Expressionismus, mit Gedanken der Werkbundbewegung und des Bauhauses zu einer eigenen Stilistik paarten. 
Doch auch die moderne Avantgarde war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Mecklenburg vertreten: neben dem berühmten, in Güstrow ansässigen Ernst Barlach sei hier die Rostockerin Käthe Diehn-Bitt erwähnt, eine Künstlerin, deren eigenständiger Beitrag zur Moderne erst noch richtig entdeckt und gewürdigt werden muss.
 

 


Home > Kunstgalerie > Einführung