Home Der "Marmorlöwe der Wikinger" in Venedig

Es mutet schon seltsam an, dass die Wikinger, wie die germanischen Vorfahren der heutigen Dänen, Schweden, Norweger, Färinger und Isländer allgemein bezeichnet werden, vor und nach der Jahrtausendwende aus dem kühlen Nordeuropa aufbrachen, um den sonnigen Süden Europas - den Mittelmeerraum - zu erkunden und beutehungrig heimzusuchen. Dort hinterließen sie auch verschiedene Spuren. Ein derartiges Relikt verkörpert der Marmorlöwe am Alten Arsenal in Venedig, der abseits des Touristenstromes zu finden ist und den ich in den Mittagsstunden des sehr warmen 20. Juli 1996 in Augenschein nehmen und fotografieren konnte. Der etwa drei Meter hohe, fast zwei Meter lange und auf einem rechteckigen Sockel sitzende tonnenschwere Marmorlöwe ist allerdings nicht nordischen Ursprungs, sondern er wurde von einem unbekannten Bildhauer des antiken Griechenlands geschaffen. Aber Nordländer versahen ihn im Verlauf des 11. Jahrhunderts mit Runen und verewigten sich damit. Das Kunstwerk stand auch nicht immer in Venedig, sondern früher im griechischen Piräus, damals Porto Leone ("Löwenpforte") genannt, dem Hafen von Athen.

Der bekannteste aller Wikingerführer im byzantinischen Griechenland war der spätere norwegische König Harald der Harte (1047-1066), der hier als oberster Befehlshaber der Kaisergarde fungierte. Damals muss die lange Runenritzung auf dem Löwen zu Piräus durch einen nordischen Soldaten aus Uppland erfolgt sein. Denn zu jener Zeit unterhielten die griechisch-byzantinischen Kaiser eine Leibgarde mit nordischen Soldaten, vor allem Schweden, die sogenannte "Warägergarde". Einer der Nachfolger Haralds in der Warägergarde wurde ein Schwede namens Ragnvald, an dem der "Runenstein von Ed", nahe Väsby, in Uppland erinnert. Nach den Runen und der Form der Bänder auf dem Stein von Ed, die denen auf dem Marmorlöwen ähneln, kann geschlussfolgert werden, dass ein schwedischer Gefolgsmann Haralds oder Ragnvalds in der Warägergarde, der in Piräus stationiert war, vor oder um 1070 dort den Löwen mit einer Runeninschrift "verzierte". Der beiderseits mit Runenbändern versehene Löwe überdauerte die Zeit, aber die Runen waren schon nach dem 1. Weltkrieg so verwittert, dass es unmöglich schien, diese zu deuten. Aber um 1920/25 gelang eine diesbezügliche Übersetzung dem schwedischen Runologen Erik Brate, die merkwürdigerweise heute in der Fachliteratur nicht mehr zu finden ist bzw. als verschollen gilt.
Nach Erik Brate beinhaltet die linke Seite des Löwen folgendes in deutscher Übersetzung: "Sie erschlugen ihn in Heerscharens Mitte, aber in diesem Hafen meißelten Männer Runen für Horse, einem wackeren Bauern von der Bucht. Schweden brachten dies auf dem Löwen an. Er verfuhr mit Klugheit, Gold gewann er auf seiner Fahrt. Kämpfer ritzten Runen (auf reichverzierten Band) und meißelten". Und auf der rechten Löwenseite steht nach Brate: "Sie, Eskil (und andere und) Thorleif ließen gut meißeln, die in Rodrsland (Roslagen, Inseln an der Ostseeküste Upplands - L.M.) wohnten. Söhne von ... meißelten diese Runen. Ulf und ... malten (für Horse). (Gold) gewann er auf seiner Fahrt". Es scheint sich um denselben Horse zu handeln, der auf einen Runenstein in Ulunda, Gripsholm gegenüber, nahe Enköping, erwähnt wird. Brate übersetzte die Inschrift auch auf diesem Stein: "Gewaltig fuhr er - zum Gewinn von Gut - aus nach Griechenland - für die Erben sein". Daraus lässt sich entnehmen, dass ein oder mehrere Schweden in der Warägergarde mit jener Inschrift auf dem Löwen in Piräus ihres gefallenen Kameraden Horse gedachten, der in byzantinischen Diensten umkam.

Als der norwegische Altertumsforscher Hakon Shetelig nach seiner Untersuchung des Marmorlöwen in Venedig 1924 in der schwedischen Zeitschrift "Fornvännen" die Deutung Brates als "Frucht einer lebhaften Phantasie" bezeichnete, gab ErikBrate kurz vor seinem Tode sein Geheimnis in der gleichen Zeitschrift preis, in dem er niederschrieb: " ... dass er die Lösung unter wesentlich günstigeren Umständen als Shetelig vorgenommen habe: Er ließ bei starkem Sonnenschein ein Segel derart über den Löwen spannen, so dass der Schatten scharf und klar in die Runen fiel und sie dadurch deutlicher wurden. Obgleich einige Zeichen trotzdem vollständig undeutlich blieben, genügten die übrigen doch, um den Zusammenhang klar zu machen. Seine Phantasie habe er nicht mehr benutzt, als dies ein Forscher soll, um aus mangelhaften Wörtern das herauszulesen, was in derartigen Inschriften vorzukommen pflegt, wie es andere Steine zeigen". Wie dem auch sei, Brates Deutung konnte bis heute nicht widerlegt werden. Als die Venetianer im Jahre 1687/88 Griechenland eroberten, beschlagnahmte ihr damaliger Befehlshaber, der schwedische Gneralissimus Otto Wilhelm Graf von Königsmarck (1639-1688), Sohn des schwedischen Feldmarschalls deutscher Abstammung, Hans Christoffer von Königsmarck, kurzerhand den Löwen in Piräus wohl in Erinnerung an die einst ruhmreichen Taten seiner nordischen Vorfahren in Südeuropa als Kriegsbeute und ließ das Gebilde auf einer Galeere nach Venedig transportieren, wo es am Alten Arsenal, dem ehemaligen "Werftenzentrum" der See- und Lagunenstadt aufgestellt wurde.

Lutz Mohr (Diplomhistoriker)

 


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